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Singende Säge im Untergrund

Von Kristina Maroldt

Samstagabend, Union Square: Vor dem Schickimicki-Club „Plaid" draengeln sich sorgfältig gestylte junge Menschen. In ihren Gesichtern: Spannung, Vorfreude. Und dieses wissende Verschwörerlächeln. Schon gehört? Interpol, die Newcomer-Band des letzten Jahres, soll hier heute ein Geheimkonzert geben! Aber: psst! Super-Underground. Nicht weitersagen. Aber schon mal heimlich freuen.

Nach einer Stunde Schlangestehen ist die Stimmung bei den meisten Wartenden jedoch gar nicht mehr rosig: Nicht nur, dass der Türsteher doch glatt die Blondine mit dem Silikonbusen und den Typen im Armani-Anzug vor uns in den Club gewunken hat. Es hat auch noch angefangen zu regnen, und - oh Schreck - der ATM-Automat im Deli-Shop nebenan gibt zu allem Übel die niederschmetternde Parole aus: Kein Geld mehr auf der Kreditkarte! Oh Gott, ist der Abend gelaufen? Und das schon um kurz vor Mitternacht...!

Aber nein. Keine Panik. In New York findet das musikalische Alternativ-Event quasi rund um die Uhr einige Meter unterm Asphalt statt. Und zwar kostenlos, zwanglos und völlig stressfrei. Nichts wie runter also, in die kuschelig warme Subway, immerhin das größte U-Bahn-System der Welt. Den N-Train zum Times Square nehmen und dann - endlich - dem wahren musikalischen Underground der Stadt lauschen: den New Yorker Subway-Musikern.

Im Eingangsbereich der Times Square Station begegnet einem als erstes der „most dangerous bassman". Ein lässiger Schlacks mit Rasta-Mähne und Sonnenbrille, der dort fast jeden Tag bis in die späten Abendstunden mit Bass und Miniverstärker steht und mit seinen improvisierten Läufen den meisten Vorübereilenden zumindest ein verstohlenes Fingerschnippen entlockt. Wenn sie nicht gleich ganz stehenbleiben und nach einigen Minuten Zuhören einen Dollarschein in die Pappschachtel des Musikers werfen.

Wem nach einer Weile der Sinn nach Orts- und Künstlerwechsel steht, der muss sich nur ein paar Schritte weiter in die Unterwelt wagen: zum Bahnsteig der N-,R-, W- und Q-Trains. An manchen Abenden treten hier komplette Bands auf: Jungs mit gefärbten Haaren und alten Fender-Gitarren, die unplugged die Hits ihrer Lieblings-Gruppen nachspielen. Oder aber auch größere Formationen, wie die sechsköpfige Folkrock-Band vor einer Woche, mit Schlagzeug und stimmgewaltiger Sängerin, die die Gelegenheit nutzte, um nebenbei ihre Demo-CD’s an den Mann zu bringen. Denn, wer weiß: Vielleicht hastet ja auch mal der Boss eine Plattenfirma vorbei. Das Gerücht, man könne in der New Yorker Subway seine Karriere starten, hält sich auf jeden Fall nach wie vor sehr hartnäckig. Schliesslich war ja auch Bob Dylan ein Busker, ein Straßenmusiker, in der New Yorker Subway. Die Akkustik ist in den gekachelten Gängen auf jeden Fall überwältigend - und einen direkteren Kontakt zum Publikum findet man als Musiker auf keiner anderen Bühne.

Heute abend muss man aber auf die sonst hier fröhlich schrammelnden Gitarren verzichten. Stattdessen hüpfen einem schon von weitem Salsaklänge entgegen: Julio Diaz wirbelt mal wieder seine Tanzpartnerin Lupita über den Kachelboden. Lupitas Arme umschlingen Julio leidenschaftlich, ihr Po wackelt aufreizend - doch außer der Touristengruppe etwas weiter hinten, die hingerissen Fotos schießt, weiß im Publikum natürlich jeder schon längst, dass Lupita nur eine gut gebaute Stoffpuppe ist. Man schmunzelt leise, nickt wissend im Rhythmus der Musik. Und freut sich schon jetzt auf die erstaunten Gesichter der Fotografen, wenn sie merken, welch kurioses Paar sie da eben wirklich fotografiert haben.

Hinter Julio und Lupita hängt ein großes Banner in schwarz und orange. „MUNY" steht darauf geschrieben: „Music Under New York". Ein Qualitätssiegel. Schließlich sind nur 200 Künstler, also etwa zehn Prozent aller U-Bahn-Performer, Mitglied in diesem Mitte der 80er Jahre initiierten Förderprogramm, mit dem die U-Bahn-Behörde MTA die Qualität und Vielfalt der U-Bahn-Künstler sichern will. MUNY-Musiker dürfen an den begehrtesten Stationen auftreten, und die MTA macht kostenlos Werbung für sie. Deshalb kann man MUNY durchaus auch als eine Art Booking- und Talent-Agentur verstehen für den größten Live-Club der Stadt.

Wer unter dem MUNY-Banner auftreten will, muss allerdings ein strenges Auswahlverfahren durchlaufen. Jedes Frühjahr werden bei den MUNY-Auditions nur rund 20 Künstler neu in das Programm aufgenommen. Bewerbungen schicken jedoch meist um die 300.

Schließlich bietet eine MUNY-Mitgliedschaft auch dem Künstler entscheidende Vorteile. „Wer bei MUNY ist, muss sich nicht erst eine Stunde lang einen freien Platz zum Spielen suchen, sondern hat feste Auftrittsorte", erklärt Natalia Paruz, ein anderes stadtbekanntes MUNY-Mitglied, die einige N-Train-Stationen weiter, am Union Square, einer Säge exotisch schwingende Töne entlockt. „Man hat auch weniger Ärger mit der Polizei. Als ich noch nicht bei MUNY war, bekam ich mal einen Strafzettel, weil die Polizisten meine Säge als Waffe einstuften."

Doch normalerweise müssen die New Yorker Busker im Unterschied zu vielen ihrer europäischen Kollegen keine Strafe fürchten: Seit Ende der 80er Jahre hat hier per Beschluss des obersten Gerichtshofs grundsätzlich jeder das Recht zur künstlerischen Performance - über und unter dem Asphalt. Auf ein abwechslungsreiches Ganz-Tages-Programm ihres buntesten und billigsten Live-Clubs können die New Yorker also auch in Zukunft zählen. Übrigens: Das Interpol-Konzert soll furchtbar langweilig gewesen sein.

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